Leseprobe

Ausschnitt aus dem 2. Vortrag mit dem Titel

 

"Die APALI-Mechanismen hinter der veröffentlichten Meinung machen eine radikal veränderte Organisation der Medienlandschaft nötig"

 

Meine Damen und Herren!

 

Nachdem heute Vormittag meine Darstellung von Beispielen der Religion der Überkompensationen (RELOCOMP) in ihren Diskussionsbeiträgen durch viele weitere Beispiele gefährlicher und fanatischer Wahrnehmungsverzerrungen der politischen und wirtschaftlichen Realität angereichert wurde, möchte ich in meinem Nachmittagsvortrag auf einige der psychologischen Mechanismen eingehen, welche in Politik und Medien zu dieser Entwicklung geführt haben.

 

Abschließend werde ich grundsätzlich andere Strukturen der Medien und ihrer Personalauswahl skizzieren, die es ermöglichen könnten, von der scheinbaren Pressefreiheit zur Pressewahrheit und wirklicher Meinungsvielfalt vorzudringen. Wie bereits besprochen, werden wir uns heute Abend zu Einzelgesprächen und in kleinen Diskussionsgruppen zusammenfinden, deren Organisation in der letzten Woche stattgefunden hat. 

 

 

1.Die Macht des Glaubens und der bessermenschlichen Empörung:

Einfache Antworten, eingezäunte Denkpfadeund schwammige Schlüsselbegriffe

 

Durch die eingezäunten Pfade des rechten Glaubens (RELOCOMP, Religion of Overcompensations) werden die Wege des eigenen Denkens und Handelns in einer Weise beschränkt, dass Exkursionen ins Unbekannte und selbst-ständige Entscheidungen über alternative Pfade nicht mehr nötig sind. So kann die Bequemlichkeit und Denkfaulheit sehr vieler Menschen in idealer Weise gerechtfertigt werden. Nachdem man sich den Guten und Gerechten zugewandt hat, reicht es, deren Glaubenssätze und Rituale zu übernehmen: Schon findet sich für alle Probleme und Fragen eine vorgefertigte, tausendfach bewährte Antwort.

 

Wie bei allen Religionen wirken auch bei RELOCOMP zwei Verarbeitungsmechanismen des menschlichen Geistes zusammen, was oft eine stark veränderte Abbildung der Wirklichkeit zur Folge hat. Einerseits handelt es sich um den Filter der Wahrnehmung. In den meisten Fällen ist er so effektiv, dass nur ein kleiner Teil der Vorstellung der Realität, die in unserem Kopf entsteht, durch die Sinne erzeugt wird. Den Rest ergänzt das Gehirn mithilfe der bereits existierenden Gedächtnisinformationen. Unbewusst erfolgt deren Auswahl anhand der Kriterien des Wunsch-denkens. Mit anderen Worten, es werden diejenigen Erinnerungsschnipsel zur Ergänzung der gefilterten Wahrnehmung ausgewählt, die in das erwünschte Gesamtbild passen.

 

Dies kann durch psychologische Experimente, aber auch durch Untersuchungen an Menschen mit Hirnschäden (z. B. bei der visuellen oder der akustischen Agnosie) sehr eindrucksvoll bewiesen werden. Natürlich schwanken die Anteile von Wahrnehmung und Ergänzung von Fall zu Fall und von Mensch zu Mensch. Wichtig ist in diesem Zusammen-hang nur eines: Mit zunehmender Festigkeit des Glaubens an eine Sache kann die Wahrnehmung der Wirklichkeit bis zur Karikatur verzerrt werden, ohne dass dies dem gläubigen Menschen bewusst wird. So geht es auch vielen RELOCOMP-Jüngern und Bessermenschen-Darstellern.

 

Häufig sind es vier Schritte, durch die sich RELOCOMP als Ersatz- oder Zusatzreligion der Bessermenschen nahezu irreversibel verfestigt. Die Schritte 1 und 2 sind die Filter-blasen, in welchen Nachrichten und ihre Interpretationen auftauchen. Einerseits handelt es sich um die veröffentlichte Meinung in den staatlichen und Oligopolmedien, die von WUVU-Seilschaften beherrscht werden. Hier ist der Gruppenzwang in der Regel unerbittlich. Die Konkurrenz um einen Job ist groß. Wer nicht den RELOCOMP-Glaubenssätzen folgt, wird bald ausgeklinkt und fällt.

Andererseits wirken die Selektionsalgorithmen der sozialen Medien. Man erfährt nur, was in der Timeline der eigenen Freunde und der Accounts auftaucht, denen man sich als Follower oder Fan zugewandt hat. Auf diese Weise entsteht der Eindruck "Das sagen doch alle!". Wenn alle dies denken und sagen, kann es ja unmöglich falsch sein. So glauben die meisten, es handele sich um tausendfach überprüfte Tatsachen oder von vielen Menschen sorgfältig durchdachte theoretische Hintergründe. Deshalb ist eine eigene Überprüfung ganz offensichtlich überflüssig.

 

Eine weitere Konditionierung erfolgt durch die Kombination von Vereinfachung (z.B. durch Slogans oder Begriffskeulen), Rahmung und Beleuchtung der Meinung sowie deren ständige Wiederholung. Im dritten Schritt wirkt dann der Gruppenzwang unter Arbeitskollegen oder Freunden. Wer sich hier mit einer Meinung positioniert, welche von den anderen als ketzerische Abweichung der RELOCOMP-Wahrheiten angesehen wird, setzt sich nicht nur erregten Diskussionen aus, sondern verliert bald sein Ansehen in der Gruppe. Mehr oder weniger subtiles Mobbing ist oft die Folge. Schließlich erfolgt im vierten Schritt die unbewusste Verfestigung der "eigenen" Meinung zu der Überzeugung, dass es sich dabei um unumstößliche Wahrheiten handelt.

 

Ein wichtiges Element der Rechtfertigung gutmenschlicher Glaubenswahrheiten ist die Flamme der Empörung. Sie signalisiert die Echtheit und Dringlichkeit des Anliegens ebenso wie die moralische Überlegenheit der empörten Bessermenschen. Allerdings beleuchtet diese Fackel meist nur die Oberfläche des Problems. Der komplexe Problemraum dahinter wird nicht erhellt, sondern überstrahlt und vergessen. So kann man sich die tiefgründige Analyse - die Zeit und Kenntnisse erfordern würde - sparen und sich genüsslich am Lagerfeuer der Empörten wärmen.

 

Es gibt eine Eigenschaft, die bei fast allen fundamentalistischen Anhängern "allein selig machender" Religionen anzutreffen ist und auch viele RELOCOMP-Aktivisten aus-zeichnet. Es handelt sich um die mitleidig lächelnde Arroganz der rechtgläubigen Bescheidenheit. Die Grundlage hierfür ist die feste Überzeugung: "Ich habe Recht und bin deshalb gut. Du hast Unrecht und bist deshalb böse und gefährlich. Ich habe mir den Lohn Gottes/der Partei/der Medien/der Umwelt etc. sauer verdient und lasse ihn mir nicht entreißen." Allerdings wird diese Gewissheit im eben erwähnten Sinne unter gespielter Bescheidenheit versteckt. Nun erscheint eine andere Haltung, die sich am besten so beschreiben lässt: "Ich verzeihe dir und hoffe, ich kann dich auf den rechten Weg zurückführen!" Wie bei den Zeugen Jehovahs wird diese mit dem liebevollen Lächeln der Guten umrahmt. Es ist allerdings vergiftet durch Mitleid, Herablassung und gespielte Traurigkeit der Bessermenschen über die Sünden und Irrtümer der Ungläubigen.

 

Daneben gibt es aber auch noch eine gefährliche Variante bessermenschlicher Arroganz: Weil sie auf der Seite des "Guten" stehen, glauben z.B. viele WUVU-Anhänger auch richtig zu handeln, wenn sie auf Demonstrationen gegen das "Böse" gewalttätig auftreten. So wird das Verprügeln von rechtsgerichteten Gegendemonstranten als gute Tat gewertet und deshalb von APALIs ignoriert oder entschuldigt. Dem-gegenüber ist die Gegengewalt der anderen Seite natürlich als präfaschistischer Ausdruck von Bosheit und Hass zu beschreiben. Genauso fühlen und argumentieren Fanatiker der sunnitischen und shiitischen Richtung des Islam. Ähnlich war es auch bei den Aktivisten der 68er Bewegung, die auch in anderen Ländern stattgefunden hat und dort heute eine Wiedergeburt zu erleben scheint.

 

Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Definitionen der Schlüsselbegriffe Gerechtigkeit, Freiheit und soziale Verantwortung: Sie werden indirekt, nämlich über ihr beklagtes Gegenteil definiert. So glaubt jeder zu wissen, was ungerecht, unfrei und unsozial ist und kann sich deshalb leicht über die entsprechenden Missstände empören. Fragt man aber, was unter den gegebenen konkreten Umständen oder ganz allgemein in der Gesellschaft unter Gerechtigkeit, Freiheit oder sozialer Verantwortung zu verstehen sei, dann weichen die Antworten ins Allgemeine und Unverbindliche aus.

 

Wie bei den Religionen oder im Sozialismus ist auch die "politisch korrekte" Beschreibung von Fehlern und Problemen mit dem Eispanzer der Angst ummantelt. So stabilisiert sich eine Kultur der öffentlichen Lüge ganz automatisch, weil jeder, der auch nur einen falschen Zungen-schlag macht, mit dem Verlust seiner Position in Politik und/oder Öffentlichkeit sowie mit einer Welle von persönlichen Diffamierungen rechnen muss.

 

Die umfassenden und mutigen Blicke auf die Realität - die zwangsläufig die Lügenfassade der RELOCOMP verletzen - kommen deshalb meistens von freischaffenden Buchautoren und finanziell unabhängigen ehemaligen Führungsköpfen, wie z. B. einem ehemaligen Finanzsenator, einem ehemaligen Präsidenten des Industrieverbandes, von Wirtschaftsprofessoren oder einem im Alter philosophisch gereiften ehemaligen Bundeskanzler.

 

Handlungsempfehlungen (Lothar Müller): In diesem Abschnitt versucht Mayerhof durch die Verwendung neuer Begriffe, die von einer unbekannten Quelle entlehnt wurden, den gleichen psychologischen Trick anzuwenden, der bereits in MM C-1 beschrieben wurde: Es handelt sich um die Unter-stützung des erwünschten Denkens und Fühlens durch neue Begriffe. Diese haben allerdings durchaus das Potential, zu Begriffskeulen in der Hand oppositioneller Gruppen zu werden und müssen deshalb möglichst wirkungsvoll bekämpft werden, bevor sie sich lawinenartig ausbreiten und im Sprachgebrauch festsetzen können.

 

RELOCOMP ist zwar ein Kunstwort, aber seine Langform ist brandgefährlich (Religion of Overcompensations, Religion der Überkompensationen). Dadurch werden alle politisch korrekten Programme und Begriffe unterschiedslos in den Rahmen einer irrationalen und primär emotionalen Bewegung gestellt und so zum Religionsersatz für Atheisten abgestempelt. Wenn man dann noch Mayerhofs psychologische Erklärungen für den angeblichen Glaubenseifer der "RELOCOMP-Anhänger" berücksichtigt, werden hier Argumentationslinien aufgebaut, die schnell auf breite Resonanz stoßen könnten. Offenbar hat Mayerhof auch deshalb einen ganzen Vortrag der RELOCOMP gewidmet. Ich verweise auf meine Empfehlungen zur Bekämpfung der Argumentationen, die Mayerhof dort zu verschiedenen Teilgebieten der angeblichen RELOCOMP vorträgt.

 

Angesichts der vordergründigen Plausibilität von Mayerhofs Argumentation ist es erforderlich, in allen geeigneten Formaten der großen Medien eine Kampagne der Desavouierung des RELOCOMP-Konzeptes zu entfachen, bevor dieses populär werden kann. Der Begriff muss ähnlich tabuisiert wer-den wie Rassist, Rechtsradikaler, Neonazi etc. Dies kann nur durch maximale Empörung geschehen, indem man Begriffe verwendet, die in MM C-2 beispielhaft aufgeführt sind. Man sollte z.B. von einer beispiellosen Hetzkampagne gegen alle fortschrittlichen, moralisch anständigen und besorgten Bürger und Politiker sprechen. Ergänzend sollte anhand von Interviews mit bekannten Aktivisten verschiedener Organisationen  sinnfällig gemacht werden, wie herabwürdigend die Küchenpsychologie eines nüchternen Nationalökonomen für Menschen ist, die sich täglich für Frauenrechte, Flüchtlinge, sozial Benachteiligte, die Umwelt und vieles mehr einsetzen. Hierzu hat sich bei Interviews die Standardfrage: "Wie sehr fühlen Sie sich durch die Einlassungen von Mayerhof beleidigt (gedemütigt, herabgewürdigt...)?" bestens bewährt.

 

Gefährlich sind auch die neuen Begriffe, welche die herkömmlichen Bezeichnungen von "links" und "rechts" ersetzen sollen. Es ist jedem klar, dass es sich hier jeweils um ein breites Spektrum handelt, welches in weiten Bereichen überlappt. Dennoch ist bisher niemand ein vernünftiger Ersatz für diese uralten Begriffe aus der Zeit der französischen Revolution eingefallen. Dies ist einer der beiden Gründe, weshalb WUVU (Wunschdenken, Visionen und Utopien) und REAP (realpolitischer Pragmatismus) so gefährlich sind: Im Gegensatz zu den ausgewaschenen alten Termini, kann man sich bei Verwendung dieser Begriffe eine konkrete Vorstellung von der politischen Zielrichtung einer Partei oder Organisation machen, die in die eine oder andere Kategorie eingeordnet wird.

 

Die andere Gefahr besteht in der diffamierenden Wirkung von WUVU und der respektablen Anmutung von REAP.

So werden also im Sinne von MM C-1 neue Begriffe erschaffen, die das Denken und Fühlen der Menschen in eine bestimmte Richtung lenken. Besonders gefährlich ist dabei der schwarz-weiß Effekt: Mit diesen Begriffen können keine Ab-stufungen mehr vorgenommen werden, die das breite Spektrum von politischen Parteien und Organisationen abbilden würden (z.B. ultralinks, Realo-Linke, Grüne, Realo-Grüne, linksliberal, rechtsradikal, rechts, mitte-rechts, bürgerlich etc. pp.)

 

Aus den genannten Gründen ist es nötig, die Verwendung von WUVU und REAP im Sprachgebrauch zu behindern, wo immer dies möglich ist. Zunächst muss eine Atmosphäre der Angst erschaffen werden, indem man die Verwendung dieser Begriffe als einen eklatanten Angriff auf die Demokratie und die Verfassung beschreibt. Somit hat sich nicht nur Mayerhof als ein (glücklicherweise verstorbener) Verfassungsfeind und als ein trojanisches Pferd im geschützten Raum unserer Demokratie entlarvt. Zudem sind auch alle Menschen, die solche Begriffe verwenden, in diese Kategorie einzuordnen. So kann gerechtfertigt werden, dass die leicht auffindbaren Postings in den sozialen Medien, die WUVU oder REAP enthalten, gelöscht und die Autoren - die sich ja damit als Verfassungs-feinde enttarnt haben - für längere Zeit gesperrt werden (siehe auch MM H-1 und H-2).

 

Natürlich ist es zur Verhinderung der breiten Nutzung drei o.g. neuen Begriffe auch nötig, die Massenmedien zu instrumentalisieren, indem die unter MM F-2 beschriebenen Methoden zur Beeinflussung von deren Schwarmverhalten eingesetzt werden. In diesem Falle dürfte sich besonders die Methode 1 (Der Schwarm folgt dem Leittier) eignen. Dazu ist es nötig, den Edelfedern der großen Zeitungen auf den üblichen Kanälen nahezulegen, in empörten Leitartikeln die o.g. Begriffe und deren Einführung durch Mayerhof zu verurteilen. Diese Leitplanken der Argumentation werden dann erfahrungsgemäß nahezu automatisch von anderen Zeitungen und in Talkshow-Runden aufgenommen (Methoden 2 und 3 aus Abschnitt MM F-2).