Auszug aus dem 2. Vortrag mit dem Titel:

 

"Das System der zwangsläufigen Macht- und Ahnungslosigkeit der tanzenden Marionetten"

 

Meine Damen und Herren!

Bevor ich beginne, möchte ich der Ordnung halber nochmals die Bedingungen zusammenfassen, welche unser Treffen umrahmen, um einen freien und vorbehaltlosen Gedankenaustausch zu ermöglichen: Sie haben alle vorab ein sehr um-fassendes Geheimhaltungsabkommen unterschrieben, so dass ich davon ausgehe, dass weder meine Gedanken noch unsere Diskussionen jemals an die Öffentlichkeit gelangen. Eigentlich sollte dies bei einem Treffen der besten Köpfe des Landes überflüssig sein, mir wurde jedoch dringend geraten, zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen, weil Leaks zu einem unappetitlichen Mittel politischer und persönlicher Auseinandersetzungen geworden sind.

 

Unter solchen Bedingungen regiert die Furcht aller Menschen, die aufgrund ihrer Führungspositionen viel zu verlieren haben. Wir wollen uns davon nicht beeinflussen lassen. Deshalb ist auch der Ort unseres Treffens erst einen Tag vorher an sie übermittelt worden. So hoffen wir, von der Meute sensationshungriger passiver Lügner, die sich Journalisten nennen und ihr gefiltertes Halbwissen ungestraft verbreiten dürfen, verschont zu werden. Zu den Charakteristika passiver Lügen und zu den Gründen ihre Popularität in der Politik werde ich im zweiten Vortrag Stellung nehmen. Ich darf zudem daran erinnern, dass wir vereinbart haben, dass keiner der Teilnehmer jemals zugeben wird, einen der anderen hier gesehen zu haben. Wir werden alle die Existenz dieser Serie von geheimen Diskussionen vehement abstreiten müssen, um unsere intellektuelle Freiheit und berufliche Zukunft zu wahren.

 

Liebe Kollegen! Wie sie vermutlich alle wissen, aber nicht wagen auszusprechen, ist die repräsentative parlamentarische Demokratie in Deutschland und in fast allen europäischen Ländern ein Tanz von Marionetten vor der Fassade eines riesigen Gebäudes. Jede Dummheit, Fehlentscheidung oder aussitzende Passivität ist in einer Fassadendemokratie fast folgenlos möglich, und zwar solange das Land reich und stabil ist, die Bürger wohlhabend sind und sich sicher fühlen. Unter diesen Umständen könnten auch dressierte Affen regieren! Allerdings zeigt die Vergangenheit, dass ein äußerlich reich begrünter Baum innerlich hohl und morsch sein kann. Dann bricht er manchmal schlagartig und für die Öffentlichkeit unerwartet zusammen. Die Finanzkrise 1929 hat dies ebenso gezeigt, wie die Krise 2008, die uns näher an einen Zusammenbruch der Weltwirtschaft gebracht hat, als die meisten ahnen. Aber auch der Zusammenbruch der DDR und des sozialistischen Staaten-systems und die verbrannten Bäume, die nach dem "arabischen Frühling" übrig geblieben sind, zeigen dies neben vielen anderen Beispielen, die ihnen wohl bekannt sind.

 

Die Warnungen der Wenigen, die aufgrund ihrer tieferen Einsichten und ihres Mutes auf den bevorstehenden Eintritt solcher Katastrophen frühzeitig hingewiesen haben, wurden stets ignoriert oder sogar verlacht. Fast alle Bürger und Politiker bewegen sich innerhalb eines engen Radius individuellen Komforts des Denkens, den sie auf keinen Fall verlassen wollen. Deshalb ist es auch gegenwärtig völlig sinnlos, die Gedanken, die ich in dieser Serie von Vorträgen innerhalb der kommenden Wochen vortragen werde, öffentlich zu äußern.

 

Durch die geheimen Diskussionen heute und in den kommenden Wochen können wir einerseits meine Gedanken auf den Prüfstand stellen, von verschiedenen Seiten beleuchten und vermutlich auch in mancherlei Weise modifizieren. In-sofern werde ich dafür dankbar und offen sein und hoffe, von Ihren Diskussionsbeiträgen zu lernen.

 

Wir werden deshalb auch Audioaufzeichnungen meiner Vorträge und unserer Diskussionen machen, die jedoch nicht kopiert werden, sondern allein von mir persönlich an einem sicheren Ort verwahrt werden. Auf diese Weise geht nichts von Ihren Anregungen verloren. Um die Geheimhaltung sicherzustellen, d.h. zu vermeiden, dass die Transkripte dieser Aufzeichnungen durch Zufälle oder unzureichende Sicherung in unautorisierte Hände gelangen, haben wir beschlossen, den Teilnehmern dieser Treffen keine Kopien zur Verfügung zu stellen. Nicht jeder kann sich sicher sein, dass seine Assistenten, Sekretärinnen oder auch Familienangehörige diese Materialien geheim halten werden, falls sie zufällig Zugang dazu erhalten oder sich diesen verschaffen. Es würde die betroffenen Kollegen in eine unerträgliche Situation bringen. Das wollen wir vermeiden!

 

Ich möchte mit Blick auf unser Land und viele der EU-Staaten an das in meinem Vortrag heute Vormittag verwendete Bild erinnern: Es ruht auf drei Felsen und ist durch ein großes Netz von Verstrebungen und Balken fest-gefügt. Nicht Krisen, sondern nur Katastrophen können das Ganze oder Teile davon zum Einsturz bringen, so dass Neues gebaut werden kann. Kaum sichtbare Strippen reichen ins Innere dieses monumentalen Bauwerks und verlieren sich in dessen Tiefen.

 

Eigentlich sollte die Stimme des Volkes (Vox populi) durch die von ihnen gewählten Abgeordneten sprechen. Die Wirklichkeit sieht jedoch wesentlich anders aus, was ich durch die Umformung des ursprünglichen Begriffes zu "Voxe Popse" ausdrücken möchte. Dieser Begriff symbolisiert eine zweifache Verzerrung des demokratischen Ideals: Der aller-größte Teil des Volkes ist nicht in der Lage, sich zu den komplizierten Problemen von Gesellschaft und Wirtschaft eine kompetente Meinung zu bilden und die Politiker haben lächerlich geringe Entscheidungsspielräume.

Sie sind zu Tänzern vor der Fassade der Demokratie geworden; das Volk gibt das Theaterpublikum. Gespielt wird jeden Tag das gleiche Stück: Voxe Popse. Das ist jedoch nicht weiter schlimm, solange der außen grünende und innen ausgehöhlte morsche Baumriese der Gesellschaft nicht durch den Sturm einer Katastrophe umgeblasen wird. Dann greifen jedoch die Mechanismen, mit denen die Wirtschaft - und manchmal auch die Wissenschaftler - im Inneren die Strippen ziehen, nicht mehr.

 

Ich darf mich nochmals für die lebhafte und anregende Diskussion des heutigen Vormittags, aber auch für einige sehr schöne Gespräche während unserer Mittagspause bedanken. Mehrfach habe ich heute schon gehört, dass der Ort unserer Zusammenkunft eher einer Eremitenklause als einen Tagungsort gleicht. Ja, genau so ist es! So war es gewollt. Nur so können wir uns ganz auf unseren Gedankenaustausch konzentrieren und müssen uns nicht darum kümmern, mehr oder weniger nichtssagende Sprechblasen gegenüber Journalisten abzusondern, die ängstlich vor ihren Oberen zittern, wenn sie ohne den sogenannten O-Ton nach Hause kommen.

 

 

1. Was können Parlamentarier, Minister und andere gewählte Funktionsträger eigentlich noch bewirken?

 

Wenn ohnehin keine nennenswerte Handlungsfreiheit für die Durchsetzung politischer Gestaltungsideen besteht, weil die heute Vormittag diskutierten Sachzwänge gemeinsam mit den Strippenziehern hinter den Kulissen die substantiellen Wirkungsmöglichkeiten von Exekutive und Legislative massiv einschränken, ist dann vielleicht der Tanz der Ma-rionetten auf der Fassade einer angeblich repräsentativen, parlamentarischen Demokratie die ehrlichste Lösung? Die Antwort ist ein herzhaftes: "Ja!! - was denn sonst??" Zudem darf man nicht vergessen, dass die "kompetitive Intelligenz" der Realwirtschaft (im Unterschied zur verantwortungslosen Intelligenz der Zocker in den internationalen Finanz-Kasinos) glücklicherweise und zu Recht einen maßgeblichen Einfluss auf die Politik hat.

Die Abgeordneten und die Minister sollen diejenigen, die an den Felsen der Realwirtschaft arbeiten, möglichst unterstützen und nicht behindern - denn auf diesem Fundament ruht die Gesellschaft. Ebenso wenig wollen die Strippenzieher gestört werden, welche die meist unsichtbaren Fäden in der Hand halten, mit denen der Tanz der Marionetten auf der Fassade der Demokratie gesteuert wird. Vom Staats- und vom Regierungschef werden mit Recht häufige und besonders ausdruckslose Tänze erwartet. Beide führen dies fast täglich in Reden, Pressekonferenzen und Interviews mit bewundernswerter Beharrlichkeit vor. Sie kennen das Gebäude der Gesellschaft und die Felsen auf denen es ruht, nur vom Hörensagen, haben es nie betreten, sondern nur gelegentlich ein Blick darauf geworfen. Die Matrone hatte zunächst nur den Fernseher, der es ihr ermöglichte, über die Mauer zu schauen. Natürlich war ihr Bild zusätzlich verzerrt durch den Wahrnehmungsfilter, der infolge einer politik- und wirtschaftsfremden Ausbildung und Berufspraxis entsteht. Später war man dann allerdings "näher" dran: Man sah durch die Vorhänge von Amtsstuben und von den Podien großer Säle herab auf das wirkliche Leben.

 

Handlungsempfehlungen (Lothar Müller): Diese Schlussfolgerungen basieren auf den Aussagen des ersten Vortrages von Mayerhof und stellen das ganze politische System in Frage. Im Sinne von MM A-1 muss hier deshalb mit maximaler Empörung widersprochen werden. Hierzu eignen sich Begriffskeulen im Sinne von MM C-2, z.B. "Mayerhof outete sich als trojanisches Pferd zur Vorbereitung einer Diktatur des Großkapitals in Deutschland".

Hinzu müssen aber auch personalisierte Aufreger kommen, um den Entgegnungen eine emotionale Dimension zu geben, z.B. "Mayerhof diffamierte hinter den Kulissen die Regierungschefin und den ehemaligen Bundespräsidenten!", "Er biss die Hand, die ihn fütterte und schützte!" usw.

 

 

2. „Saalamander“-Karrieren

 

Die meisten Parlamentarier haben eine typische Politikerkarriere hinter sich, die den Kontakt mit der Lebenswirklichkeit weitgehend ausschließt und die Fassadenmarionetten wirtschaftlich und geistig völlig abhängig vom Verbleiben in diesem Milieu macht. Man sollte diese Laufbahn von Bundestagsabgeordneten und Ministern als "Saalamander"-Karrieren bezeichnen. Hier wird das Reptil bewusst mit einem doppelten A geschrieben, weil das Habitat des "Saalamanders" der Saal ist. Offenbar handelt es sich um ein wechselwarmes Reptil, welches nicht nur stets die Temperatur seiner Umgebung annimmt, sondern oft auch in der Lage ist, die Farbe seiner Haut nach Belieben zu ändern. Die Karriere des "Saalamanders" beginnt natürlich im Kreißsaal. Dann wechselt diese Spezies schon während der mehr oder weniger erfolgreichen gymnasialen Schulbildung in den Saal der örtlichen Vereinskneipe, wo - im Kreise von anderen hoffnungsvollen Jungpolitikern - ihre Ochsentour durch die Hierarchie beginnt. Vorher müssen jedoch noch diverse Hörsäle durchsessen werden, wobei man in der Regel der Juristerei oder den "Palaverwissenschaften" zuneigt. Hat sich der "Saalamander" dann nach vielem Hinterzimmer-Gekungel schließlich mithilfe einer Seilschaft - die gelegentlich eine spätere "Entlohnung" fordert - einen guten Listenplatz ermauschelt, steht dem Einzug in den ersten Plenarsaal nichts mehr im Wege. Oft muss man sich jedoch leider in der Rangordnung der Plenarsäle nach oben hangeln. Im schlimmsten Falle vergehen Jahrzehnte, bis es einer von der Stadtverordnetenversammlung über den Landtag bis in den Bundestag geschafft hat.

 

Wie motiviert ist ein solcher "Saalamander", durch un-botmäßiges Verhalten - d. h. eine gelegentlich abweichende Meinung - den Unmut der Obermarionetten zu provozieren und vielleicht sogar einen der wirklichen Strippenzieher bei seinem "segensreichen Wirken" zu stören? Solche Leute machen den größten Teil der Abgeordneten des Bundestages aus. Sie haben nie einen anderen Beruf als den der Politmarionette kennengelernt. Sie kennen das wirkliche Leben und die drei Felsen, welche das Gebäude der Gesellschaft tragen, bestenfalls aus dem Fernsehen und der Zeitung. Aufgrund ihrer angepassten Durchschnittlichkeit haben sie sich im Bierdunst von Hinterzimmern für einen Listenplatz qualifiziert. Jeder der bereits etablierten Marionetten braucht Mitglieder in seiner Seilschaft. Sie müssen jedoch zwei Voraussetzungen mitbringen: Loyalität gegenüber dem Leittier ist die erste Pflicht. Zudem sollten sie diesem erkennbar unterlegen sein, weil so vermieden wird, dass sie heimlich an dessen Stuhlbeinen herumsägen. So wird über mehrere "Generationen" von Parlamentariern mit der Automatik der Darwinschen Zuchtwahl die Qualität der Abgeordneten immer schlechter, bis sie im Vergleich zum Rest der Gesellschaft sowohl intellektuell als auch charakterlich mehrheitlich als unterdurchschnittlich zu bezeichnen ist.

 

Das kommt den Strippenziehern aus der Finanzwirtschaft und in den Weltkonzernen natürlich außerordentlich gelegen: Je durchschnittlicher und hilfloser die Politiker sind, desto besser kann man sie steuern. Ein besonderer Glücksfall ist unter diesem Gesichtspunkt eine Regierungschefin, die nicht nur wenig vom globalen Wirtschafts- und Finanzsystem versteht. Sie hat auch kein politisches Ziel, keine Vision und keine Strategie, die über das "auf Sicht fahren" hinaus-ginge. Ihre stammelnden Allgemeinplätze sind zwar für Deutschland peinlich, für die Strippenzieher aber der reinste Engelsgesang. Genau so wünscht man sich eine Marionette: Sie taumelt im Wind, wenn mal ein paar Strippen locker gelassen werden und erkennt dadurch ihre Hilflosigkeit umso deutlicher. Zudem muss sie zwangsläufig in ihrer Umgebung Leute aufsteigen lassen, die noch viel durchschnittlicher und ahnungsloser sind als sie selber. Sonst wäre ihre Position schnell gefährdet. Wer die Dame besonders leicht manipulieren will, sagt öffentlich, sie sei raffiniert und durchsetzungsstark. Dann ist sie demjenigen gegenüber, der ihre wunde Seele balsamiert hat, besonders zutraulich und arglos.

 

Handlungsempfehlungen (Lothar Müller): Es ist aus offensichtlichen Gründen vom Versuch einer Widerlegung dieser Einschätzungen abzuraten. Stattdessen sollte der Spieß umgedreht werden: Wie in MM E-3 beschrieben, müssen unter früheren Mitarbeitern oder Kollegen von Mayerhof Menschen gefunden werden, die möglichst prägnante Geschichten über die Nutzung von Seilschaften durch Mayerhof bei seiner Karriere in US-Universitäten und bei der Weltbank erzählen können. Notfalls kann man auch Leaks anonymer Quellen verwenden, deren Wahrheitsgehalt ohnehin nicht geprüft werden kann. Es muss in jedem Fall der Eindruck entstehen, das JM ebenfalls eine "Saalamander-Karriere" gemacht hat, nur eben auf einem anderen Gebiet.

 

Zusätzlich muss man Empörungs-O-Töne von Abgeordneten einholen, die feststellen, dass JM wie ein Blinder von der Farbe redete, weil er selbst ja nie in ein Parlament gewählt wurde und auch keiner Partei angehörte. Auf diesem Hintergrund sollte man im Sinne von MM A-1 diejenigen Tugenden herausstellen, die man nur während der sogenannten „Ochsentour“ auf dem Weg ins Parlament lernen kann und die für eine funktionierende Demokratie enorm wichtig sind. Dazu gehören Kompromissfähigkeit, Kollektivgeist, inner-parteiliche Solidarität, uneigennütziges Agieren als Partei-soldat, Loyalität zu den Führungspersönlichkeiten, Zurück-haltung der eigenen Meinung im Interesse übergeordneter Ziele von Partei und Regierung, Vermeidung der Irritation der Öffentlichkeit durch Benennung von Alternativen etc. pp.

 

Allerdings muss man hier aufpassen, dass niemand auf die Ähnlichkeiten dieser Prinzipien mit denen hinweist, die auch in den Parlamenten oder Parteigremien der DDR und anderer sozialistischer Länder selbstverständlich waren. Sollte dies doch der Fall sein, ist es leicht, auf die grundsätzlichen Unterschiede zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung in der Bundesrepublik hinzuweisen, die keinerlei Ähnlichkeiten mit sozialistischen Diktaturen hat.

 

Insofern kann man den Zynismus von Mayerhof, mit dem er die „Saalamander-Karrieren“ beschreibt, als Arroganz eines ahnungslosen Einzelgängers durch Verengung des Betrachtungsrahmens (siehe MM B-1) darstellen. In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, nach politischen Entscheidungen von JM zu suchen, bei denen er das Parlament umgangen, viel-leicht sogar hintergangen hat. Beispiele hierfür sind sicher nicht schwer zu finden, wenn man die Methode der schritt-weisen Rahmenverschiebung anwendet (siehe MM B-3).