Vortragstitel: Die Religion der Überkompensationen (RELOCOMP)

Leseprobe des ersten Vortrages des fiktiven Bundesjustizministers Prof. Dr. Jan Mayerhof zum Themenkomplex

"Das Gesetz der Symbiose von Wunschdenken, Wahrnehmungsfilter und Selbstzensur"

 

2. Wer wichtige Erkenntnisse über Wirtschaft, Politik und Religionen ignoriert, der könnte ebenso die Uhr anhalten, um Problemen der Zukunft zu entkommen!

 

Probleme, die nicht offen benannt und aus allen möglichen Perspektiven diskutiert werden dürfen, können auch nicht gelöst werden. Es ist ein selbstverständliches Grundprinzip der Natur- und Ingenieurwissenschaften, dass alle erkennbaren Fragen und Möglichkeiten von tausenden unabhängiger Gruppen gleichzeitig und aus verschiedenen Perspektiven erforscht werden, bis - als Ergebnis der Konkurrenz von Erfindungen und Entdeckungen - die besten Lösungen in neue Produkte und Technologien Eingang gefunden haben.

In den Sozial- und Politikwissenschaften ist dies oft ganz anders. Am stärksten sind Wunschdenken, Wahrnehmungsfilter und Selbstzensur natürlich in Staaten, deren Fundament die strikte Befolgung einer Religion oder Ideologie ist. Unter diesen Bedingungen ist es nicht verwunderlich, wenn die "Forschungen" dieser "Wissenschaftler" mit der Zeit immer weniger Bezug zur Realität haben. So wurden fast alle Parteikader und auch ihre "Wissenschaftler" überrascht, als die sozialistischen Systeme wie Kartenhäuser zusammenfielen.

Jedoch haben sich auch die westlichen Politik-"Wissenschaftler" und Wirtschafts-"Wissenschaftler" als nicht besonders nützlich erwiesen. Kaum jemand hat den nahenden Zusammenbruch des Weltfinanzsystems im Jahre 2008 vorhergesehen. Niemand erwartete den schlagartigen Kollaps der DDR und der anderen sozialistischen Staaten in Europa. Ebenso wurden sie vom Zusammenbruch vieler arabischer Diktaturen und der Entstehung einer weltweiten islamistischen Terrorbewegung überrascht.

Viele Fakten und Probleme werden von der Symbiose von Wunschdenken, Wahrnehmungsfiltern und Selbstzensur verdeckt, verdrängt oder beschönigt. Dies ist die Grundhaltung politischer Strömungen, die ich mit einem neuen, unverbrauchten Begriff bezeichnen möchte: WUVU steht für die Kombination von Wunschdenken, Visionen und Utopien. Es fällt nicht schwer, die klangliche Ähnlichkeit mit Vodoo zu bemerken. Ein Schelm, wer dahinter Absicht vermutet! Die Konsequenzen der WUVU-Politik werden sich bemerkbar machen: Oft wird es dann allerdings zu spät sein. Leider lernen Gesellschaften in der Regel nicht aus Krisen, sondern nur aus verheerenden Katastrophen.

Als Gegensatz hierzu gebrauche den Begriff REAP, der für realitätsnahen Pragmatismus steht. Diese beiden Begriffe machen die alten und vieldeutigen Bezeichnungen (links, links-liberal, sozialistisch, grün, alternativ, rechts, rechts-mittig, rechts-konservativ etc.) überflüssig.

 

Handlungsempfehlungen (Lothar Müller): Es ist wohl für die meisten politisch aktiven Menschen leicht einzusehen, warum diese beiden neuen Begriffe das Potential haben, sich schnell zu etablieren. Kaum jemand kann mehr mit den verschiedenen Schattierungen von links und rechts eine konkrete politische Handlungserwartung verbinden, vielmehr erscheinen sie als künstliche und diffuse Abgrenzungen, welche allein dazu da sind, unterschiedliche Parteiorganisationen zu rechtfertigen. Deshalb dürfte es für viele verführerisch sein, sich dem schwarz-weiß-Denken zuzuwenden, welches sich aus der von Mayerhof vorgeschlagenen Unterscheidung zwischen pragmatischer (REAP) und illusionistischer (WUVU) Politik ergibt.

Aus diesen Gründen halte ich es für wichtig, diese beiden Begriffe sofort nach der Publikation dieses Redetranskripts zu desavouieren. Besonders gut können dies sicherlich die - von Mayerhof am Anfang dieses Vortrages wieder einmal verhöhnten - Politikwissenschaftler ausführen. Ihre Existenzberechtigung besteht ja unter anderem darin, die feinen Unterschiede in den Schattierungen der Programme der Parteien herauszuarbeiten und zu interpretieren. Die Unterstützung der Presse ist mit Methoden analog MM C-2 sicherlich leicht zu bekommen, wobei es zu empfehlen ist, einige der vermutlich öffentlich auftretenden prominenten Unterstützer der neuen Kategorisierung der Politik in Talkshows analog MM H-2 auseinander zu nehmen.

In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, daran zu erinnern, wie wichtig es ist, politische Konflikte zu personalisieren: Mit der öffentlichen Beschmutzung oder Verhöhnung von Protagonisten neuer politischer Konzepte kann man deren Ideen am besten beschädigen. Geeignete Methoden hierfür habe ich in den Sektionen H und I von MM beschrieben. Dabei spielt es keine Rolle, dass Mayerhof jüngst zu Tode gekommen ist. Nur indem man ihn persönlich bei jeder Gelegenheit in ein schlechtes Licht rückt, kann man verhindern, dass ihm - und damit auch seinen politischen Konzepten - posthum eine Art Heiligenschein verpasst wird.

Die neuen Begriffe REAP und WUVU müssen so schnell wie möglich als absurd dargestellt werden. "Nicht hilfreich" ist in diesem Falle viel zu schwach. Der Grund liegt darin, dass sich einige politisch inkorrekte Begriffe bereits innerhalb kurzer Zeit zu Standardtermini entwickelt haben. Ich erinnere an "Wutbürger", "Gutmenschen" oder auch PEGIDA.

Die Hauptlinie der Argumentation gegen den Gebrauch von REAP und WUVU muss darin bestehen, dass sie nicht geeignet sind, die vielen unterschiedlichen politischen Konzepte im Lande abzubilden und zudem alle linksgerichteten oder grünen Strategien als illusionäres Wunschdenken diffamieren. Wir wissen zwar, dass die politischen Unterschiede der Parteien fast nur in Parteiprogrammen und Wahlkampftexten zu finden sind, in der Regierungspraxis aber nahezu verschwinden. Das darf jedoch durch den verbreiteten Gebrauch von REAP und WUVU nicht verdeutlicht werden. 

"Politische Korrektheit" ist ein Phantomgebilde zweckdienlicher Beliebigkeit. Ursprünglich war der Begriff ironisch gemeint. Er sollte die eifernde Bigotterie einiger politischer Diskussionen verspotten. Inzwischen ist diese Bedeutung fast verloren gegangen. "Politische Korrektheit" hat schrittweise die biedere Ernsthaftigkeit einer quasi-religiösen Überzeugung angenommen. Beide Teile dieses Begriffs verkörpern jedoch irreführende Illusionen. Einerseits ist Politik das Lavieren in den wenigen Spielräumen, welche das festgefügte Gebäude der Sachzwänge, Gesetze und wechselseitigen Abhängigkeiten in einer modernen Gesellschaft übrig lässt, wie ich in meinen Vorträgen zu den Gesetzen des Marionettentanzes vor der Fassade der Demokratie dargestellt habe.

Andererseits kann Politik keine feste Substanz von Zielen und Prinzipien, keine Moral und auch keine Ethik haben, obwohl die Marionetten, die vor der Fassade der Demokratie tanzen, ständig das Gegenteil behaupten. Deshalb kann es etwas "politisch Korrektes" nicht geben - genauso wenig wie etwas "politisch Unkorrektes". Zudem ist klar: Selbst wenn Politik all diese Eigenschaften hätte, wäre der Begriff der "politischen Korrektheit" immer noch sinnlos: Wer entscheidet denn was "korrekt" ist und was nicht? Wer sind die Richter, wer hat sie bestellt und worauf mögen ihre Urteile wohl basieren?

Durch diese Betrachtung wird klar, Richter können nur diejenigen spielen, welche leichtfertig genug sind, dieses Amt zu usurpieren: Die selbsternannten Bessermenschen – die man auch Gutmenschen-Darsteller nennen könnte – sind Individuen, die das Wunschgebilde "politischer Korrektheit" nach Belieben neu erschaffen oder verändern und dann zu ihren Zwecken nutzen. Dabei geht es nicht immer um Macht oder Geld: Oft stehen verkappter Neid und Wichtigtuerei im Vordergrund, denn durch "politisch korrekte" Anklagen, Forderungen und Empörungsrituale kann man ohne eigene Leistung aus dem Meer der Bedeutungslosigkeit auftauchen.

Eine wirklich politische korrekte Politik besteht in der besten Lösung eines Problems unter den gegebenen Umständen und auf der Basis einer humanistischen Systemethik, auf die ich in meinem folgenden Vortrag näher eingehen werde. Dies ist die zentrale Bedeutung von REAP. Deren Weiterentwicklung zu einer ganz neuen Form von Regierung und informierter Demokratie, werde ich in meinen Ausführungen heute Nachmittag umreißen.

Handlungsempfehlungen (Lothar Müller): Diese Bemerkungen werden vermutlich von allen rechtsgerichteten Gruppen mit großer Freude zitiert werden und bedienen den vielfach zu spürenden Überdruss an politisch korrekter Berichterstattung. Zudem wird durch die Unterstellung des Neidmotivs und die daraus erwachsene Verwandlung des Unwortes "Gutmensch" zum "Bessermenschen" ein neues Schlagwort geschaffen, welches das Potenzial hat, in konservativen und rechtsgerichteten Kreisen der Bevölkerung großen Anklang zu finden.

Wie in MM A-1 ausgeführt, haben die politisch korrekten Ausdrucksweisen eine wichtige Funktion bei der Bereinigung der Realitätswahrnehmung der Bevölkerung. Selbst wenn es sich hierbei teilweise um ein Rollenspiel handelt, muss die Stigmatisierung von Kritik an politisch korrekten Argumenten und Handlungsweisen um jeden Preis aufrechterhalten werden. Gelingt dies nicht, können die in MM A-2 beschriebenen Folgen überraschend schnell eintreten. Wir haben wichtige Anzeichen hierfür bereits in den PEGIDA-Demonstrationen und bei den Wutbürgern gesehen. 

Ich empfehle deshalb, diese Kritik an politischer Korrektheit und insbesondere den Begriff "Bessermenschen" frühzeitig und aggressiv zu bekämpfen. Hierzu eignet sich die Methode MM D-3, mit welcher der Rahmen, durch welchen die Unterstützer dieser Gedanken betrachtet werden, sukzessive in die Richtung von Rechtsextremisten und Demokratiefeinden verschoben werden kann. Andere geeignete Begriffskeulen finden sich in MM G-2.

 

Ich verwende statt des irreführenden und schwammigen Begriffs der politischen Korrektheit lieber RELOCOMP. Dies ist einer der rund 240 neuen Begriffe, die im Rahmen des 16 Bände umfassenden und bislang nur wenigen Menschen in Teilen zugänglichen Werkes NEMACOS (Network of Maturing Coherent Systems) eines unbekannten Autors verwendet wird. RELOCOMP steht für "Religion of Overcompensations". Ich bin einer derjenigen, denen Teile dieses Mammutwerkes unter der Voraussetzung ausgeliehen wurden, diese nach einigen Wochen mit Kommentaren zurückzugeben. Dabei bin ich die Verpflichtung eingegangen, keine Kopien oder Exzerpte zu machen. Insofern darf ich also nur diejenigen Begriffe und Konzepte aus NEMACOS in meine Vorträge einfließen lassen, für deren Verwendung ich eine schriftliche Genehmigung des renommierten Wissenschaftlers erhalten habe, der als Sachwalter dieser Texte fungiert.

Der Autor bezeichnet NEMACOS auch als p3-Dichtungen in Worten und Bildern. Das Symbol "p3" steht für philosophische, psychologische und politische Dichtungen in Worten und Bildern. Mit Bildern sind AMUDTs gemeint. AMUDT ist einer der neuen NEMACOS-Begriffe und steht für "Annotations of Multi-Dimensional Thinking". Es handelt sich um grafische Kunstwerke, die in einer Kombination von Zeichnungen, Symbolen, Strukturen und erklärenden Texten eine erstaunliche Komprimierung von Gedanken ermöglichen. So kann ein AMUDT viele Seiten Text - manchmal sogar ein ganzes der verbreiteten Ein-Idee-Bücher - ersetzen und durch die Möglichkeit der Interpretation aus verschiedenen Blickwinkeln tatsächlich mehrdimensionales Denken anregen. Wie ich höre, existiert NEMACOS sowohl in der Textfassung mit eingestreuten AMUDTs als auch als reines Faksimilé, in welchem komprimierte handschriftliche Texte in die Zeichnungen integriert sind, die auf diese Weise selbsterklärend werden.

RELOCOMP beschreibt sehr treffend ein Phänomen, welches viele der Diskussionen der Bessermenschen in Deutschland, aber auch in anderen wohlhabenden Industrie- und Informationsgesellschaften beherrscht. Es ist tatsächlich ein religiös-inbrünstiger Glaube, der sich aus Überkompensationen früherer Fehler oder Verbrechen von Gesellschaften und Individuen speist. Wer den Glaubensinhalten von RELOCOMP nicht folgt, ist - wie bei den anderen Religionen - per definitionem ein Ungläubiger und somit auch ein Sünder. Diese armen Seelen muss man bekehren, was eine der Quellen des Eifers der RELOCOMP-Jünger ausmacht.

Jedoch überwiegt wohl in den meisten Fällen eine andere, unbewusste Motivation, die sich nur wenige eingestehen wollen: Dadurch, dass man selbst dem rechten Glauben anhängt und aus den einzig richtigen Überzeugungen die einzig sinnvollen Handlungen und Lebensweisen ableitet, kann man sich mit voller Berechtigung über alle anderen erheben, die (noch) nicht zu diesen Höhen aufgestiegen sind. So wird man automatisch vom Normalo zum "Bessermenschen". Das ist ein wirklich starker Antrieb, welcher dem Hass der Rechtgläubigen auf die Andersgläubigen - und damit eigentlich Ungläubigen - in den fundamentalistischen Ausprägungen aller Religionen, besonders aber des Islam, in mancher Hinsicht ähnelt.

 

Handlungsempfehlungen (Lothar Müller): RELOCOMP ist - ähnlich wie REAP, WUVU und Bessermenschen - ein potenziell gefährliches neues Schlagwort. Es ist auch deshalb griffig, weil es zwei unterschwellig existierende Vorurteile gegenüber politisch korrektem Denken und Handeln bedient: Man unterstellt eine quasi-religiöse Inbrunst bei den Aktivisten und vermutet gleichzeitig, dass dies der Antrieb ist, vieles zu übertreiben, zu dramatisieren oder in alarmistische Panikmache zu verfallen.

Ich habe auch von diesen Fragmenten von NEMACOS-Texten gehört, die vertraulich an einige bekannte Wissenschaftler zur Kommentierung geschickt wurden. Mayerhof scheint aber der einzige Politiker zu sein, der sie erhalten hat. Ich selbst habe bislang erfolglos versucht, eine Kopie dieser Texte zu bekommen. Offenbar funktioniert die Geheimhaltung (noch) lückenlos. Wie dem auch sei, wichtig sind hier nicht diese Texte, sondern die diffamierenden Wirkungen, welche der Begriff RELOCOMP auf alle politisch korrekten Aussagen haben kann (und wird).

Wenngleich es relativ leicht sein dürfte, die Verwendung dieses Begriffes in einigen Medien durch die Methoden MM C-4 zu blockieren bzw. zu marginalisieren, stellt sich dieses Problem in den einschlägigen Foren und Netzwerken im Internet ganz anders dar. Hier hilft nur der Einsatz des in MM K-3 vorgeschlagenen "Rapid Response Teams", welches sich vermutlich mit relativ hohem Aufwand und für längere Zeit der Hemmung der Ausbreitung dieses diffamierenden Begriffs widmen muss.