Die Methode des gestisch-durchsichtigen Sprechens von Sebastian Scherbot

 

Diese Methode des Vorlesens ist als bewusster Gegensatz zu dem künstlichen Sprachrhythmus entstanden, welcher dann dominiert, wenn sich der Sprecher mehr oder weniger unbewusst durch die Struktur des Satzes leiten lässt. Die dadurch entstehende artifizielle Gliederung von Rhythmus und Melodie der Sprache erweckt zunächst den Anschein von Gestaltung. Sie wirkt durch ihre Distanzierung von der Handlung und den Personen jedoch schnell uniform. So wird es für den Hörer schwer, den Reichtum der Bilder und Stimmungen entstehen zu lassen, welcher beim eigenen Lesen zustande gekommen wäre.

 

Viele Hörbuchsprecher bzw. Hörbücher lesende Schauspieler verbringen bis zu 10 Stunden hintereinander im Studio. Oft ist dies aus Kostengründen erforderlich, weil nur Bruchteile dieser Zeit später im fertigen Produkt Verwendung finden. Die Aufnahmen zum Hörbuch von „Das Menschen-Ei“ wurden so gestaltet, dass niemals länger als 2 Stunden hintereinander gelesen wurde. So lässt sich die Kombination von emotionaler Entspanntheit und geistiger Konzentration aufrechterhalten, welche für das gestisch-durchsichtige Vorlesen erforderlich ist.

 

Der Grundansatz des gestischen Sprechens besteht im „Hindurchsehen“ durch den Text beim Lesen. Die Worte erscheinen für den Vorlesenden wie auf einer transparenten Folie aufgezeichnet, durch welche man auf Bilder und/oder Strukturen schaut. Ihre Kolorierung erwächst aus der Hinwendung zu verschiedenen Feldern emotionaler oder bildhafter Verankerung. 

 

 

1. Das erste dieser Felder ist der Gestus. Dabei überlagert sich der Gestus der Szene mit dem der Figur, des Satzes oder auch einzelner Wörter. Dahinter stehen die Untertexte, welche den Gestus z.B. ins Ironische, Tragische oder Komische verschieben können. 

Die Bilder, die in der Vorstellung des Vorlesenden hinter dem durchsichtigen Text erscheinen, bestehen in kinohaften Projektionen der Szenerie und der handelnden Personen, welche durch die oben beschriebenen Verankerungen beleuchtet und koloriert werden. Hinter dieser virtuellen, teilweise ebenfalls durchsichtigen Leinwand, befindet sich eine weitere. Auf ihr werden Empfindungen und Gedanken der Personen in einer, nicht wirklich mit Worten zu beschreibenden Weise visualisiert. So erhält die Szene in der Vorstellung des Vorlesers Volumen und Charakter. 

 

2. Das zweite Feld besteht in der Rhythmik, Dynamik und/oder Melodie, welche der Szene oder dem Satz unterlegt werden sollen. Vieles hiervon ergibt sich fast automatisch aus den verschiedenen Schichten, aus denen der Gestus einer Szene zusammengefügt wird. 

 

3. Bei abstrakteren Themen und gedanklichen Reflexionen besteht die Verankerung des Sprechers hauptsächlich in der Freude am Voranschreiten auf dem Pfad eines Gedankens oder im Genuss der Schönheit der Sprache. 

In diesen Abschnitten wird die oben beschriebene Methode des „Hindurchsehens“ durch den Text (und der Verankerung in Gestus und Rhythmik) ebenfalls angewandt. Dadurch erhalten diese Stellen – trotz ihres abstrakteren Charakters – eine ähnliche Lebendigkeit, wie sie auch der Handlung durch gestisches Vorlesen verliehen wird. Jetzt erscheinen jedoch auf der Projektionsfläche des Vorlesers nicht Figuren und Szenerien, sondern grafische Formen, welche den Pfad eines Gedankens abbilden. Wieder wird die Beleuchtung und emotionale Kolorierung dieser Strukturen durch Verankerungen bewirkt, wie sie bereits oben beschrieben wurden. 

 

Durch diese Methoden entstehen verschiedene Schichten, die sich in jedem Satz übereinander lagern, was eine Vielzahl von Mischfarben hervorbringt. Der Text vermischt sich mit seinem Untertext, unter dem der Gestus der Figur oder des Gedankens zu erkennen ist, welcher sich in den Fluss von Handlungen und Gedanken einfügt, die im Bett der jeweiligen Grundstimmung dahin gleiten. 


Im gesamten Prozess des Lesens dominiert immer eine Haltung spielerischer Leichtigkeit, die bewusst auch durch den Verzicht auf eine nachträgliche Veränderung der Lautstärke, ungewöhnlicher Rhythmen oder Aussprachen unterstrichen werden soll. 

Zudem schimmert immer ein wenig von der Präsenz des Raumes durch den Klang der Stimme, die bewusst nicht der sterilisierenden Wattepackung einer kompletten Absorption ausgesetzt wurde. So wird das Gefühl gestärkt, der Vorleser sitze im gleichen Zimmer wie der Zuhörer: Es scheint, als seien beide in bequemer Distanz voneinander in ihren Sesseln vergraben. 


Da die Sprache von Marc DeSargeau oft von ironisch-freundlicher Leichtigkeit geprägt ist, werden Sie auch in der Vortragsweise Sebastian Scherbot häufig den Unterton einer charmant-distanzierten Ironie vernehmen. Zudem sind in viele Sätze kleine „Mikrospannungen“ eingebaut, die z. B. durch eine Pause vor einem Wort oder einem Satzteil das Geschehen scheinbar in eine andere Richtung lenken. Dadurch entstehen für Sekundenbruchteile im Bewusstsein des Hörers spannende Alternativen zum tatsächlichen Ausgang der Handlung. 

Man spürt die Freude des Erzählers an einer spannenden und zugleich wichtigen Geschichte, die sich auf die Hörer übertragen dürfte. So verwundert es nicht, dass auf eine „Doppeldramatik“ bewusst verzichtet wird: Oft wird der Vortrag in dem Maße sachlicher und ruhiger, wie das Geschehen dramatischer wird.